Wo ist Benjamin?

Shiurim und Geschichten

Wo ist Benjamin?

- Von Alisa Moreno
Zielgruppen
Kita-Alter
6-11 Jahre
12-14 Jahre

 "Mutter, ich habe Angst", sagte Jossi, als ihm seine Mutter mitteilte, dass sie am nächsten Tag ihr Haus in Ägypten verlassen würden. "Jossi, soll ich dir ein Geheimnis verraten? Ich habe auch Angst." Jossi war überrascht. Niemals hätte er gedacht, dass auch seine Mutter Angst haben könnte. Sie war immer so stark und mutig! 

Die Mutter umarmte ihn immer, wenn er sich in der Nacht fürchtete. Sie hielt ihn fest bei der Hand, wenn sie einen gefährlichen Weg entlang gingen und er befürchtete, hinzufallen. "Aber Mutter, wenn du Angst hast und ich Angst habe, warum müssen wir dann eigentlich weg? Vielleicht sollten wir lieber hier bleiben." 

Die Mutter sah ihn liebevoll an und erklärte ihm: "Obwohl ich große Angst habe, freue ich mich gleichzeitig und bin aufgeregt, und so soll es auch für dich sein. Erinnerst du dich an die Gerüchte über die Plagen, unter denen die Ägypter litten?"

Jossi antwortete: "Klar! Das klang wirklich furchterregend! Überall Frösche! Und größere Finsternis als in meinem Zimmer in der Nacht!" Die Mutter nickte zustimmend: "All diese Zeichen geschahen, um den Pharao davon zu überzeugen, unser Volk ziehen zu lassen. Wir schlagen einen neuen Weg ein. Es macht zwar Angst, zu unbekannten Ufern aufzubrechen, aber wir wissen, dass G´tt mit uns ist. Er beschützt und leitet uns immer."

 

Jossi hörte seiner Mutter zu, aber er konnte sich nicht beruhigen. Er wusste, dass seine Eltern Sklaven waren, dass sie schwer schufteten, aber so war es immer gewesen. Er dachte an sein Haus, an die Mahlzeiten, die die Mutter zubereitete (was würden sie in der Wüste essen?), aber vor allem dachte er an seine Freunde. Was würde mit ihnen geschehen? "Mutter, ich will Benjamin nicht verlieren! Er ist mein allerbester Freund!" Die Mutter lächelte und erwiderte: "Jossi, nicht nur wir verlassen Ägypten. 

Das ganze Volk Israel zieht morgen von hier aus! Auch Benjamin und seine Eltern kommen mit uns." Am folgenden Tag brachen sie frühmorgens zur ihrer langen Reise auf. Der Vater ließ Jossi und seine Mutter auf dem Esel reiten, er ging zu Fuß neben ihnen her. Auf ihren zweiten Esel hatte der Vater alle ihre Habseligkeiten gepackt. Jossi hatte darum gebeten, die bunten Steine mitnehmen zu dürfen, mit denen er immer mit Benjamin spielte. Er bewahrte sie in seiner Tasche auf. Jossi hatte immer noch Angst und war auch ein bisschen traurig, den Ort seiner Kindheit zu verlassen. 

Aber als er die lange Kolonne von Männern, Frauen, Kindern und Tieren sah, die sich über eine so weite Strecke hinzog, dass er weder ihren Anfang noch ihr Ende erblicken konnte, da ging ihm auf, dass er an einem großen und bedeutenden Ereignis teilnahm. Und von da an hatte er keine Angst mehr. "Mutter, ich bin hungrig", verkündete Jossi. Die Mutter zog ein Stück Mazza aus ihrer Handtasche. "Hier, mein Süßer, iss!" Jossi verstand nicht. "Was ist das? Mutter, ich möchte Brot." 

Die Mutter erklärte ihm: "Denn der Teig hatte nicht gesäuert. Sie konnten nicht zögern." Das war seltsam, aber er war hungrig wie ein Wolf, und so nahm er einen herzhaften Biss: "Das schmeckt eigentlich gut! Vielleicht hebe ich ein Stück für Benjamin auf. Er kostet gerne von meinem Essen." Plötzlich fiel es Jossi auf, dass er in der langen Menschenkarawane Jossi und seine Familie noch nicht gesehen hatte. "Mutter, wo ist Benjamin? Ist er nicht gekommen? Was, wenn seine Familie beschlossen hat, in Ägypten zu bleiben?" Da war die Angst wieder. Er schaute nach rechts, er schaute nach links, stieg auf die Schulter seines Vaters, rief den Namen seines Freundes ... aber er konnte ihn nicht finden. Seine Augen füllten sich mit Tränen: "Ich will nicht ohne Benjamin gehen! Ich muss mich wenigstens von ihm verabschieden und ihm Schalom sagen!" 

Jossis Eltern bemerkten seine Tränen nicht, denn genau in diesem Moment brach ein Tumult aus. Die Leute im vorderen Teil des Zuges waren stehen geblieben – vor ihnen lag das Schilfmeer und es war unmöglich, den Weg fortzusetzen. Aus dem rückwärtigen Teil des Konvois ertönten Schreckensschreie: "Die Ägypter verfolgen uns!" Das ganze Volk zitterte vor Angst. Kein Fluchtweg war offen! Auf einmal sah Jossi etwas Wunderbares: Das Meer öffnete und teilte sich! Die Schreckensschreie verwandelten sich in Freuderufe. Was für ein Wunder! Das Volk Israel zog hindurch und war gerettet. Das Meer schloss sich wieder hinter dem letzten Juden. 

Damals sangen Mosche und die Kinder Israels dieses Lied dem Ewigen. Alle sangen und tanzten aus Freude über das große Wunder, das G´tt vor ihren Augen vollbracht hatte. Plötzlich sah Jossi unter all den Tanzenden Benjamin neben seinem Vater. Er rannte zu ihm und umarmte ihn: "So viele Wunder an einem Tag! "Jetzt habe ich überhaupt keine Angst mehr!

Mach mit!
Und schicke uns Deine Ideen.